3  Erdgestalt

TippLernziele
  • Berechnung der Normalschwere auf dem Erdellipsoid
  • Geoid und seine mathematische Beschreibung
  • Verformung der festen Erde durch Gezeiten

Zur mathematischen Darstellung der physikalischen Figur des Erdkörpers werden Modelle benutzt:

3.1 Erdellipsoid

Eingeführt 1924 als Hayfordsches Erdellipsoid.

  • Schwach abgeplattetes Rotationsellipsoid als einfache Näherung an das Geoid
  • Das zugehörige Schwerefeld ist die Normalschwerebeschleunigung \(\gamma_{0}\)

3.1.1 Somigliana-Gleichung

Berechnung der Normalschwere \(\gamma\) eines Ellipsoids aus \[ \begin{align} \mathbf{g} & = -\grad W = -\grad ( V + \Phi_{Z} ) \\ \gamma(\varphi) & = \mathbf{g}(\varphi) \cdot \hat{\mathbf{r}} \end{align} \]

mittels der Somigliana-Gleichung für die geographische Breite \(\varphi\) \[ \gamma(\varphi) = \gamma_{E}\,\frac{1 + k \sin^2\varphi}{\sqrt{1 - e^2 \sin^2\varphi}} \tag{3.1}\]

\[ \begin{align} e^2 & = 2f - f^2 \\ k & = \frac{b\,\gamma_p - a\,\gamma_e}{a\,\gamma_e} \\ b & = a(1-f) \end{align} \]

Mit den Daten aus WGS-84:

\[ \begin{align} a &= 6\,378\,137\ \text{m} \\ f &= \frac{1}{298.257223563} \\ \gamma_e &= 9.780\,325\,3359\ \text{m s}^{-2} \\ \gamma_p &= 9.832\,184\,9378\ \text{m s}^{-2}. \end{align} \]

Code anzeigen
import numpy as np
import matplotlib.pyplot as plt
a = 6378.137e3
f = 1 / 298.257223563
gamma_E = 9.7803253359
gamma_P = 9.8321849378
omega = 72.92115e-6
e2 = 2 * f - f * f
b = a * (1 - f)
k = (b * gamma_P - a * gamma_E) / a / gamma_E

gamma = lambda phi: gamma_E * (1 + k * np.sin(phi)**2) / np.sqrt(1 - e2 * np.sin(phi)**2)

aE = omega**2 * a

print(f"gamma(0)      = {gamma(np.deg2rad(0.0)):.4f} m/s**2")
print(f"gamma(45)     = {gamma(np.deg2rad(45.0)):.4f} m/s**2")
print(f"gamma(0) + az = {aE + gamma(np.deg2rad(0.0)):.4f} m/s**2")
print(f"az            = {aE:.4f} m/s**2")

print(f"gamma(0)/az   = {gamma(np.deg2rad(0.0))/aE:.4f}")
gamma(0)      = 9.7803 m/s**2
gamma(45)     = 9.8062 m/s**2
gamma(0) + az = 9.8142 m/s**2
az            = 0.0339 m/s**2
gamma(0)/az   = 288.3716

Die Gravitationsbeschleunigung übertrifft die Zentrifugalbeschleunigung am Äquator um das 288-fache.

Wir berechnen die Normalschwere nach der Somigliana-Gleichung und stellen den Verlauf grafisch dar:

Code anzeigen
import matplotlib.pyplot as plt
phi_d = np.arange(start=0.0, stop=90.1, step=1.0)
gamma_phi = [gamma(np.deg2rad(v)) for v in phi_d]
fig, ax = plt.subplots(figsize=(6,4))
ax.plot(phi_d, gamma_phi)
ax.set_xlabel('Nördliche Breite in Grad')
ax.set_ylabel(r"$\gamma_{0}$ in m/s$^2$")
ax.set_title("Breitenabhängigkeit der Normalschwere")
ax.grid(alpha=0.5)

3.2 Das Geoid

Die Äquipotentialfläche, die mit der ruhenden (mittleren, gezeitenfreien) Meeresoberfläche zusammenfällt, heißt Geoid.

Das Geoid

  • ist eine ausgewählte Äquipotentialfläche des Schwerepotentials mit \(W_{0}=\mathrm{const}\)
  • fällt mit ruhender (mittlerer gezeitenfreier) Meeresoberfläche zusammen
  • setzt sich im Bereich unter den Kontinenten durch gedachte Kanäle fort
  • Geoid ist gleichermaßen Ort und physikalische Größe mit \(W_{0} \approx 62.2 \times 10^{6} \, \frac{\mathrm{m}^{2}}{\mathrm{s}^{2}}\), festgelegt durch International Association of Geodesy (IAG), 2015.

Darstellung als lokale Abweichung vom Erdellipsoid in Einheit von Metern (Geoidhöhen oder Geoidundulationen).

Wir unterscheiden

  • Kontinentale Geoidundulationen: Masseninhomgenitäten im Mantel und der tieferen Erdkruste
  • Regionale Geoidundulationen: Regionale geologische Strukturen, Undulationen der Grenzfläche Kruste/Mantel
  • Lokale Geoidundulationen: Lokale Masseninhomogenitäten in den oberen km der Erdkruste

Das Geoidmodell EGM96 (Earth Gravitational Model 1996) entstand aus einer Kooperation zwischen NIMA, dem NASA Goddard Space Flight Center und der Ohio State University. Es basiert auf weltweit erfassten Schwerefelddaten – einschließlich neuer Airborne-Schweremessungen über Grönland, der Arktis und Antarktis – und kombiniert terrestrische sowie satellitenaltimetrische Messungen. Das Modell liegt mit einer Rasterauflösung von 15′ × 15′ vor.

Aktuell: EGM2008, EGM2020 in Vorbereitung (Stand Oktober 2025)

3.2.1 Mathematische Beschreibung der Geoidgestalt

Entwicklung nach Kugelflächenfunktionen \[ \begin{align} N(r, \theta, \lambda) & = \frac{f m_{E}}{r \, \pmb\gamma_{0}(r, \theta)} \\ & = \sum_{n=0}^{\infty} \left( \frac{a}{r} \right)^{n} \sum_{m=0}^{n} P_{nm}(\cos \theta)\left( C_{nm} \cos m\lambda + S_{nm} \sin m \lambda\right) \end{align} \] mit

  • \(C_{nm}, S_{nm}\) - Stokessche Koeffizienten
  • \(P_{nm}(\cos \theta)\) - zugeordnete Legendrepolynome
  • \(n\) - Grad
  • \(m\) - Ordnung der harmonischen Koeffizienten.

Koeffizienten mit endlichem Grad \(n\) werden aus Schweremessungen, geodätischen Messungen und Bahnstörungen von Satelliten bestimmt.

3.3 Gezeiten der festen Erde

Die Gezeitenkräfte von Mond und Sonne bewirken auf einer elastisch verformbaren Erde messbare Effekte, die sich in der Hebung des Bodens sowie in der damit verbundenen Änderung der Erdschwerebeschleunigung äußern.